Ode an den Jäger in letzter Nacht

 

Oho!, nun aufgemerkt: Er kommt heran! Da kommt der große Ji-Ja-Jägersmann. Schneidig, schneidig, alle Wetter! Der hat sich einen dicken Tusch verdient, wie er auf den verfilzten Pfaden seiner hübschen Worte herangestolpert kommt. Kommt heran und war so lange fort und hat doch nichts gefangen. Ho, Jäger, he! Komm her, komm näher, komm hier nur her ganz dicht heran, und zeig doch Deine Fallen, Deine Eisen, Deine schönen Schwanenhälse!, zeig her, wie sie gähnen und nichts darin sich krümmt. Und zeig auch Deine Büchse her, die Läufe ölverschmiert und voller Dreck und Mist, ausgeschossen und verwarzt und – keine Beute! Zeig Deinen Beutel auch, das schwarze Loch: Wo sind die Felle, Jägersmann, die Du versprochen hast, wo die Trophäen? Und wo der alte Hirsch, den Du nicht fehlen durftest? Wo, Jägersmann, wo bist Du denn gewesen all die Zeit, Dein Leben lang? An Wald und Wild vorbeigestürmt in schierer Wut, es aufgeschreckt und fortgescheucht? In vagem Einvernehmen mit dem Fremden Draußen alles falsch verstanden? Komm, alter Ströpper, komm erzähl, berichte nun davon, was für ein ganz und gar und durch und durch famoser Kerl Du bist in Deinem grünen Rock, über Fährten und Spuren hockend, die sich verlieren im Nichts, brütend im Schlamm, der toten Suhle, um die der wilde Keiler weise Bögen schlägt. Ha, Jägerlein, und wie Du hundert Jahre durch´s Gesträuch gekrochen bist und hast doch nichts in Deinem Beutel drin, zu lindern wo schon nicht den großen Hunger, so doch wenigstens die gröbste Pein! Wo, bitte!, wo um alles hast Du denn das warme Fleisch gelassen, wo die ausgebroch´nen Zähne Hauer Klauen, wo die stolze Feder? Und Dein Versprechen, das Du gabst voll Inbrunst, Dein Versprechen von der Schönheit? Wie willst Du es je einlösen, wie Deinem Eid genügen, Deinem läppischen? Komm her, komm näher, komm ganz nah: Laß Dich betrachten, Schrat, ganz gleich von welcher Seite, eine schöne hast Du nicht. Und sag, was Du getrieben hast mit all der Zeit, die Du Dir nahmst, Du Gaukler, Schmierenkomödiant, sag an, was hat der Fuchs Dir unter tiefen Tannen zugeraunt, in welchen Zungen haben Reh und Has´ zu Dir gesprochen? Der Eule bist Du nicht begegnet, Elender? Wahrhaftig nicht! Hast stets den Blick voll Gram und Scham zum Boden hingesenkt Dich fortbewegt, nicht wahr?, bist ein ums andre Mal gestrauchelt über stummem Wurzelwerk. Hast Deine Nase bis zum Hinterhaupt in jeden Haufen Kot gesteckt, geschnüffelt nach der Ewigkeit; und Deine tauben Ohren in den Wind gereckt nach jenem Ton, der Deine Augen tränen macht!
Nein, Jägerlein, und nochmals nein, für Dich hat´s nichts gegeben, keine Beute, keine reiche Ernte, – nichts! Für Dich ist nur Dein enges Herz, das ängstlich pocht und springt und quengelt dort im Wald, wo stetes, tiefes Schweigen herrscht. Hohl bist Du, Jägerlein, und leer bis an den Rand; kein leiser Widerhall in Dir, der Dich zur Ruhe mahnt, kein Licht, kein dürrer Strahl, der Dich durchdringt, an Deine Seele rührt, so sehr hat Dich Dein armes, kleines Jägerherz verplombt, versiegelt. Ein Waidmann willst Du sein, hört! hört!, und bist doch nichts als eine grünberockte Farce, sieh Dich an: Verschlammt, verschmiert, verdreckt, mit faulen Krusten übersät, so kriechst Du dort im Unterholz umher seit Jahr und Tag – ein Edelmann? Du kennst Dich nicht! Die Krätze wütet ohne Unterlaß auf Dir, in grauen Placken fällt, was einst Dein stolzes Antlitz war, und wo darin Dein Hochmut thronte, gärt es schon und blühen schwarze Schwären. Sprich endlich, Gesell, verkommener, sag, hast Du wirklich nicht bemerkt, wie Deine Unschuld, Deine Unschuld eben dort zuschanden kam, wo Du die Ehre wähntest? Und wie sie seither sterbend flattert dort im fernen Dornenmeer, klapp-klapp, zerfetzt, klapp-klapp, zerrissen und verzagt bis an den jüngsten Tag? Wie wolltest Du die Kreise schließen hin zum letzten Rund, wie Dir die Seligkeit ergaunern? Oh, Jägerlein! Ein Lump bist Du, ein Scharlatan von lausigem Geschlecht, verdorrt bis an den Grund. Bist nicht von schöngewachs´nem Stammbaum, keine Bläue Deine Säfte adelt; hast keine Ahnen, vornehm Dich zu bitten, Seit´ an Seit´ bei ihnen Platz zu nehmen in der blinden Zeit. Stattdes´ nur spröde knirschendes Gebein in finsterm Loch, darauf Du stehst und gehst und alles gründest. Und auch Dein Nachgeborener: Nichts anderes als kruder, mißgestalter Wahn!, verirrt, verwirrt; verreckt im ersten Licht. Und Du, Du selbst? Kein heller Schein, nur Dunkel Dich zur eignen Grube drängt; sieh her, Verlorener: Geronnen ist Dein Blut zu Klump, geronnen alle Illusion; in Deinen Adern rinnt das heiße Gift, das namenlose, nur Pesthauch strömt aus Deinen Lungen. Und längst schon gräbt in Dir die Räude, gräbt in tiefen Schrunden eitrige Kanäle, nagt tief in Dir an Deinem weichen Mark.

So ist es spät geworden, Grauen wölbt sich über Dir in sternenloser Nacht. Du mußt Dich sputen, Jägerlein, es ist die Zeit der letzten Pirsch gekommen. So geh, nun mach Dich auf, los! los!, und wende Dich nicht mehr zurück, laß ab! Was Du nicht warst, vergiß; nimm, was an Kraft Dir noch gelieben, raff Deinen kleinen Mut Dir eng um Deine schmalen Schultern, daß Dich nicht friert, Dich Kälte zaudern macht auf Deinem Weg hinab. Doch nun: Mach hin!, denn wenn die Amsel schlägt, der Nebel steigt, der achte Tag erwacht, – mußt Du am Ziel sein, eingehüllt in dichtes, ewiges Vergessen. Wohlan, es eilt!, sei wahrhaft wacker dieses eine Mal . . . Adieu  – –

 

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