Kurkonzert

 

Und wenn der Tag sich neigt zur Nacht hin, das Licht hinabstürzt dem tiefen, schwarzen Grund entgegen; wenn der verbliebene Gedanke sich wieder und wieder selbst entwirft und sein Ende nicht faßt; wenn jede Form der nächsten gleicht und alle der einen, unwirklichen: Sie nehmen den Hut.

Und Sie sitzen in jenem Café und Sie verlangen Schokolade, heiß. Sie sitzen dort voll Verlangen und dürsten, reiben die Hände aneinander in kalter Erwartung – und nichts geschieht. Ob das Ihr Fehler ist, es an Ihnen liegt, vielleicht, das wissen Sie nicht, denn Sie reisen. Hart starrt man Sie an und Sie erwidern, erstaunt, Schokolade, heiße, ich bitte.
Aber heute werden Sie Ihre Schokolade wohl nicht bekommen, so wie gestern, vorgestern. Oder – ist heute gestern, nach wie vor? Aber nein! Gestern lernten Sie doch, lernten, man starrt Sie an, stundenlang, was Ihnen vorgestern unerhört schien.

Heute sind Sie erst gar nicht hinabgestiegen, Wozu, haben Sie sich gesagt, man starrt mich ja doch nur an. Und ringsherum Leute an Tischen. Und vor den Leuten auf den Tischen Schokolade, so heiß. Das hat Sie irritiert. Denn das Fleckchen sepia-geränderten Tischtuchs vor Ihnen, auf welchem Ihr Wunsch gut und gerne Platz gefunden hätte, war leer. Und blieb leer, obwohl Sie sich bittend äußerten und Ihr Ansinnen vortrugen, stundenlang. Also sind Sie auf Ihrem Zimmer geblieben und haben in der Weile gestern und heute verwechselt mit vorgestern, das kann vorkommen. Geniert blicken Sie um sich, ahnen, zuviel auf Mal, zuviel für einen Reisenden allein.

Und Sie sagen dem Mann an der Rezeption, hinter dem Tresen, Ich reise nun weiter, denn vor meinem Fenster auf der Straße spielt das Orchester den Wilden Marsch, immer wieder, ich kann es nicht länger ertragen. Der Mann ist heimtückisch, alt, und er schiebt Ihnen die Rechnung herüber, Schokolade, Musik, und er sagt, Ich werde auf Sie warten, am nächsten Ort, im nächsten Café, und mit dem Schlüssel werde ich Ihnen winken, es wird reserviert sein; er verwechselt mich, denken Sie.

Sie folgen dem gleißenden Weg, fahren fort und weiter, reihen Perle um Perle auf sprödes, brüchiges Werg. Sie ducken sich an den Mauern entlang, um den Preis geschundener Haut. Sie versenken jenen fortwährenden Gedanken in den Wogen der Meere und Ihre Füße werden umspült von lauem, brackigem Wasser. Sie verlassen Ihr Zimmer nicht mehr und es starrt und es stummt auf Sie ein und Sie zerreißen Ihr Perlenband im Traum. Und der Tamboumajor schwingt seinen Stab, und es klingt und es birst in der Stille die Fremde – Sie erkennen sie wieder.

Und Sie sagen dem Mann mit dem Schlüssel, dem Mann im Café, ich reise, denn ich ertrage es nicht. Der Mann lacht und er sagt, Ihre Perlen, ich helfe, es geht sehr schnell. Doch Sie lehnen ab, wollen nicht, sagen, Ich werde sie mir im nächsten Zimmer, am nächsten Ort, zum Klang des Orchesters zusammensuchen, sie sind so grau, so mein, ich finde sie wieder, gestern vielleicht oder morgen, bestimmt. Sie können sie nicht verlieren, nie, aber Sie schweigen zum lachenden Mann.

Sie fassen es nicht, so ruhen Sie nicht. Immerzu fassungslos fahren Sie, sammeln stumpfe Perlen an glitzerndem Band.

Und in der Finsternis kommen Sie an, erkennen nicht, blinzeln, verkneifen die Augen – und fragen sich: Steigt je die Blase im Eis? Das Schild leuchtet blau, aus dem Café drängen Stimmen, doch Sie wenden sich ab, den Schatten zu, wandeln schläfrig hin zu dem Pavillon, welcher dunkel die Mitte beherrscht. Dort nehmen Sie Platz, gleich vorn, und Sie lauschen taub, und die Serenade ist tonlos. Der Mann sagt, Sie kommen sehr spät.

Und nun sitzen Sie auf dem Bett und zwischen den Fingern Ihrer Hände hindurch, mit denen Sie Ihr müdes Gesicht reiben, blicken Sie hinab auf die ausgetretenen, schäbigen, perlenübersäten Dielen. Sie bücken sich, fädeln auf, halten inne, lösen den soeben geschlagenen Knoten, nehmen Ihren Hut, fühlen: Es ist höchste Zeit.

Und Sie sagen dem Mann, was dieser längst weiß – und treten hinaus auf den Platz.

 

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