Gott, die Taube, und B

B sitzt im Wald, am Rande einer Lichtung, auf einem Baumstumpf, und obwohl doch der Morgen zu und zu lieblich ist im Licht der frühen Sonne, hadert er bereits mit sich und der Welt. Eine Taube gleitet hinein in sein Blickfeld, ein zierliches Türkentäubchen, und läßt sich inmitten der Lichtung nieder, wo es sogleich nach zarten, frischen Kräutern pickt. Hier die Taube, im Sonnenschein, wippend mit ihrem Kopf, pickend. Dort B, im grünen Zwielicht der Bäume, hadernd. Wir müssen etwas richtigstellen: Zwar gleitet die Taube in Bs Blickfeld, doch er sieht sie nicht. Auch nimmt er wenig von der allgemeinen Lieblichkeit, die ihn umgibt, wahr. Sein Hader gleicht einer harten Schicht, die ihn umhüllt und kaum etwas hindurchläßt. Und während die Taube ganz Empfindung und Hingabe zu sein scheint, ist B durchdrungen von etwas, das es an diesem Ort an diesem Morgen gar nicht gibt, jedoch sein Inneres beherrscht. Und würde man ihn bitten, es zu beschreiben, dieses, was sein Inneres beherrscht und seinen Hader nährt, so würde er weit ausholen. Wir fragen ihn daher nicht, wir erklären es kurzerhand: Es ist Bs Leben nicht so, wie er es sich wünschen würde, wenn man ihn wünschen ließe. Das Täubchen aber kennt keinen Hader, hat keine Wünsche. Es pickt im taubenetzten Kraut, umkränzt vom jungen Schein, und Licht und Kraut und Taube verschmelzen zu etwas, das sich nicht trennen läßt in Licht und Kraut und Taube. B jedoch gleicht einem schwarzen Scherenschnitt inmitten anmutigster Formen und Farben, der Wald kann ihn nicht aufnehmen, das Licht ihn nicht wärmen. Nun kommt schließlich Gott hinzu, es wurde auch Zeit, er hat sich die Sache lange angesehen. Und etwas altertümlich sagt er zu B, Du dauerst mich, und deswegen biete ich Dir an, Dein Leben gemäß Deinem Wunsche einzurichten. B sieht Gott ungläubig an, erstmals an diesem Morgen dehnt sich seine Wahrnehmung über sein verhärmtes Inneres hinaus. Ja, sagt Gott, das kann ich für Dich tun, und was ich von Dir erwarte im Gegenzug, ist letztlich eine Kleinigkeit, ist buchstäblich im Handumdrehen erledigt. Und wenn auch die Taube ganz Licht und Kraut und ganz eins ist mit der frühen Stunde, so hält sie doch kurz inne, richtet sich auf und blickt zu ihnen hin, zu B und Gott, der B ein Angebot macht, ihm einen Handel unterbreitet. Du, sagt er zu B, Du mußt nur diesem Täubchen hier den Hals zudrücken, solange, bis das Auge bricht, bis die Untrennbarkeit zerreißt. Das ist mein Angebot an Dich, nimm dieses kleine Leben für Deinen großen Wunsch. Das ist nicht weiter schwer, will ich meinen. Der Vogel wird nicht fliehen, wenn Du Dein Werk angehst, ich lasse ihn nicht fort. Und wie von einem unsichtbaren Faden gezogen kommt die Taube näher und näher, zaghaft trippelnd, bis sie schließlich vor ihnen anlangt. Und dort verharrt sie nun schiefgelegten Kopfes, tritt von einem auf das andere Füßchen, und blickt erwartungsvoll und ohne Arg von B zu Gott, und wieder zu B. Und B blickt zurück, sieht das zierliche Tier, blickt in dessen Augen, liest darin, blickt in das pulsierende Sein, blickt in den bestürzenden Urgrund der Zeit, und blickt und blickt und blickt, und schlägt sich schließlich in jähem Aufschrei, gleich dem des Hochschreckens aus einem Alptraum, die Hände vor das Gesicht. Gott wendet sich ab vom bebend Schluchzenden und verläßt den Ort. Ob er indes je da war, ist ungewiß, denn wo er saß und mit B verhandelte, ist das Gras unberührt, der Tau glitzert tausendfach auf den Halmen und spiegelt sich selbst und alles um ihn herum in unendlichen Wiederholungen, alles allzeit in allem. Und als wachte sie auf, durchfährt die Taube ein Schauder, und es weitet sich ihre schmale Brust, sie wirft sich auf, breitet die Flügel und erhebt sich hinein ins Licht mit übermütigen Flügelschlag, und ist ganz erfüllt von ekstatischem Sein, von unbändigem Leben, und wie sie im jauchzenden Steigen den Waldsaum erreicht, verläßt nahebei ein lautloser Schatten seinen Posten in einer Baumkrone. – – –

Es taumelt eine blaßbraune Feder in sachter Unentschiedenheit zu Boden. Ein Habicht ruft. B nimmt die Hände von den Augen. Alles ist. Wie sollte es anders sein.

 

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